Die Tage danach: Erzählungen aus Utøya

Der Amoklauf von Utoya
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5

Die Tage danach

„Kurz bevor Lars den Waldrand erreichte, spürte er einen Stoß im Rücken. Er lief in den Wald, bis ihn seine Füße nicht mehr tragen wollten. Besonders weit kam er nicht“.

Lars ist ein Cousin der Autorin. Lars war der erste der Familie, der sich politisch aktiv betätigte und zur Zeit des Ereignisses im „AUF-Sommerlager“ auf der Insel Utoya war. Der „Stoß im Rücken“ war eine Kugel, die einen seiner Lungenflügel durchschossen hatte. Abgefeuert von Berhing Breivik, verkleidet in einer Polizeiuniform, bewaffnet mit Gewahr und Pistole. Der auf Utoya im Juli 2011 wahllos auf Jugendliche schoss. Lange geplant, intensiv durchdacht und vorbereitet. Am gleichen Nachmittag hatte Breivik eine Bombe im Osloer Regierungsviertel gezündet und für 9 Tote, viele Verletzte und Chaos gesorgt, so dass er nun „fast ungestört“ auf der Insel wüten konnte.

„Es ist auffällig, wie oft auf die einzelnen opfer geschossen wurde. Sechsmal. Viermal. Dreimal. Fünfmal. Auf viele von ihnen muss noch geschossen worden sein, nachdem sie bereits tot waren“.

Unfassbar ist, was dort geschah. Das ganze Land wie gelähmt in den darauf folgenden Tagen. Mit Langzeitfolgen für die vielen betroffenen Familien, die Öffentlichkeit, die vielen verletzten Menschen.

Erika Fatland hat Erfahrung mit der Aufarbeitung und Beschreibung der Folgen von Terrorakten, durch ihren Cousin ist sie persönlich beteiligt. Überlebende und Augenzeugen öffnen sich ihr. Tieftrauernde Familien beschreiben ihren inneren Zustand, vor allem im Angesicht des aufsehenerregenden Prozesses gegen den Mörder Breivik. Erfahrungen, die man ihrer hervorragenden Darbietung in Sprache und Form anmerkt. Gerade as die Darstellung der „Sprachlosigkeit“ angeht, die an vielen Orten im Nachgang Orten herrscht.

Persönlich wird es in diesem Buch, keine Frage. Viele Beteiligte lässt Fatland zu Wort kommen. Durchaus mit ausreichender Distanz dann von der Autorin eingearbeitet, so dass ihre sachlichen und objektiven Schilderungen ungefiltert den Leser treffen. Trotz auch ihrer Betroffenheit ist dies kein rein emotionales „Betroffenheitsbuch“, kein Fanal, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit dem Geschehen, mit der Planung, mit den möglichen Motiven und den tiefen Schnitten, die dieses Ereignis gesetzt hat.

In einer Form, die Fatland so wählt, dass der Leser mitten hinein gerät in die vielen Ereignisse innerhalb des umfassenden Mordens. Einerseits erzählt sie im chronologischen Ablauf, teils in einer Durchmischung verschiedener Schauplätze und Personen von Tod, Schmerzen, Panik, Verstecken, fliehen. Von nicht vorbereiteter Polizei, deren erste Einsatzgruppe aus ihrem Boot selbst erst noch gerettet werden muss, bevor auf der Insel eingegriffen werden kann.

Andererseits lässt sie parallel zu diesem furchtbaren Geschehen den Prozess gegen Breivik Kapitelweise ablaufen. Hier muss Fatland selbst kaum kommentieren, fast unfassbar stellt allein die Darstellung der Fakten das Grauen auf der einen Seite mit der fast arroganten Ruhe Breiviks im Prozess auf der anderen Seite nebeneinander. Das ist öfter im Buch tatsächlich schwer zu ertragen. Ebenso schwer, wie zu erleben, wie wenig echten Zugang man zu Breivik und seinen Motiven erlangt.

Sensibel, sachlich, mit vielen Berichten aus erster Hand vollzieht Erika Fatland das Grauen Norwegens vom Juli 2011 Seite für Seite nach, führt den Leser mitten hinein in die Panik der Opfer, in die Kühle des Täters, in den Schock des ganzen Landes. Ein wichtiges Buch.

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