Die Greifbarkeit des Ungreifbaren
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Insgesamt
Zeitgleich mit dem praktischen, lebensnahen „Gehen“ von Elisabeth Bör-Hogacz erscheint dieses Buch zur wissenschaftlichen Betrachtung des „Gehens“. Jener ganz alltäglichen, eigentlich ganz einfachen Grundbewegungsart des Menschen, die doch, wie gerade dieses Buch zeigen wird, sich der Greifbarkeit, der exakten wissenschaftlichen Beschreibung immer wieder entzieht. Ein Versuch des „Fassens“ dieser Bewegung, der, wie Mayer fundiert recherchiert aufführt, vor allem im 19. Jahrhundert von gewissen Interesse für die Wissenschaft verschiedener Fachrichtungen war.
Denn gar so einfach und automatisch zu verstehen ist das Gehen nicht, wie sich zeigt. Seit Beginn der intensiven Betrachtungen Ende des 18. Jahrhunderts schon schwingen vielschichtige und abstrahierende Interpretationen in Bezug auf das Gehen mit.
„Der aufrechte Gang“ z.B. in einer damals sich verändernden Welt der Anpassung, der zunehmenden Egozentrik und auch des zunehmenden Betruges aneinander. So ist der „Gang“ auch von „moralischen und politischen Werten durchdrungen“, die u.a. in einer propagierten „bürgerlichen Gehkultur“ mündet. Oder als eine Form der „Disziplinarmacht“, ein Prozess der inneren Disziplinierung von Körperbewegungen.
So stellt sich von Beginn an (und Mayer setzt dies as Ausgangspunkt seiner Betrachtungen) die Frage nach der Möglichkeit der „Objektivierung“ eines einfachen, mechanischen Aktes in seiner kulturell hohen und teils überhöhten Bewertung.
Hierbei unterteilt Mayer in vier Hauptbereiche seiner Darstellung.
Nachdem er dem Leser das empirische Wissen über den menschlichen Gang (und das „Kultivieren einer natürlichen Gangweise“ als betont langsam und ungeregelt im bewussten Gegenpol zur mechanischen Erhöhung der Geschwindigkeit der Welt) vor Augen geführt hat, führt er die konzentrierten Versuche der Wissenschaft (zunächst von Frankreich ausgehend) aus, die „Bewegungen“ zu einem Feld der Wissenschaft zu machen („Iatromechanik“ als Vorläufer der Biomechanik). Hierbei zeigt Mayer ebenfalls die Grenzen dieses wissenschaftlichen Versuches auf (die Bewegung als „notwendiger“, aber auch „unmöglicher Gegenstand einer neuen Wissenschaft“).
Im dritten Hauptteil legt Mayer die Betrachtung des „Experimentalismus“ in Bezug auf das Gehen zum Schwerpunkt. Eine Richtung , die sich versucht, ganz auf „den natürlichen Gang“ zu konzentrieren und kulturelle Interpretationen und moralische Bewertungen zur Seite rückt, um eher in industriell-mechanischer Weise das Gehen zu erfassen.
Im letzten Hauptteil stellt Mayer die Untersuchungen zu „Lokomotionssystemen“ dar (Etienne Jules) und geht ihren sehr unterschiedlichen Rezeptionen nach. Auch dieser Versuch, eine „vollständig durchmechanisierte Moderne“ exakt zu definieren, stößt an seine Grenzen.
So verbleibt zu guter letzt eine Aufsplitterung in verschiedene, wissenschaftlichen Techniken der Annäherung an „das Gehen“, die im besten Falle koexistieren, allerdings kein wirklich gemeinsames Bild des „Gehens“ aus wissenschaftlicher Sicht am Ende des 19. Jahrhunderts ergeben.
Sehr sachkundig legt Mayer seine Darstellung vor Augen in wissenschaftlich geprägter Sprache. Diese erfordert eine sehr konzentrierte Lesehaltung, zudem das Thema an sich seit dieser „Hochzeit“ der wissenschaftlichen Betrachtung kein sonderlich gängiges Thema mehr ist.
Der Leser muss schon ein eigenes, ausgeprägtes Grundinteresse an der Forschung des „Gehens“ mitbringen, um in diesem Buch auf sein Kosten zu kommen, erhält dann aber eine durchaus fundierte und umfassende Darstellung der wissenschaftlichen Versuche zur „Objektivierung des Gehens“ und der letztendlichen Unmöglichkeit einer klaren und übereinstimmenden Definition.