Wagners Opern und das wahre Leben
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Insgesamt
An der Semperoper in Dresden wird „Der Ring des Nibelungen“ gegeben. Die vier Opern werden demnächst im Wochenabstand die Sonntagabende füllen.
Kurt Schwemmers, Professor für Literatur, den 60. Geburtstag vor Augen, ist auf der Suche. Nach irgendetwas, das ihm unbenennbar ist. Das was passiert. Das „Handlung“ ins Leben kommt, nicht immer nur schwarze Buchstaben auf weißem Papier, Vorlesungen, Referate. Und eine, nach langen Jahren in vorgefertigten Bahnen sich vollziehende, Ehe. Da muss noch was ins Leben. Was Bedeutsames. Kommt da Wagner mit dieser besonderen Schwere, der tragenden Musik, dem ganzen Thema nicht ganz Recht?
Und wäre es nicht ein prächtiger Gedanke, diese Opern nicht alleine oder nur mit der eigenen Ehefrau anzusehen, sondern mit einem kleinen Kreis Vertrauter samt vorhergehendem Essen und nachfolgendem Austausch? Ein „Opernevent“, sozusagen?
Schwemmers überzeugt seine Frau und setzt seine Idee in die Tat um. Allerdings ist der Titel des Buches hier zunächst ein wenig irreführend. Nur drei „echte“ Paare sind es, die sich zusammenfügen, mit zudem einer Ärztin, deren „Opernpartnerin“, die eigene, pubertierende Tochter, zwar von der Idee begeistert scheint, dann aber doch die Lust verliert, vor der ersten Aufführung bereits.
Drei Paare und eine Frau, zunächst.
Doch, was dem Leser erst nach einer Weile aufgeht, so innerlich „getrennt“ voneinander sind die Paare nicht, wie es zunächst scheint. Es gab Verbindungen, weit im Vorfeld dieses konkreten Treffens oder sehr verdeckt zumindest, die von den Beteiligten lieber unter der Decke gehalten werden. Und auch die Motivation für diese Opernbesuche ist durchaus verschieden. Bei manchen liegt sie ganz offen: Man will es sich als gerade promovierender Literaturwissenschaftler nicht mit Professor Schwemmers verderben (so kalkuliert Dirk, der von Opern wenig hält, an sich eine unterschwellige Aggression im Leben verspürt und mit dem drängend vorgetragenen Kinderwunsch seiner Frau schon genügend innerer Spannung ha).
Oder man genießt die intellektuelle Auseinandersetzung mit Schwemmers (der sanfte Psychotherapeut Thomas, der so tief angerührt ist von einem seiner aktuellen Patienten), bemerkt aber nicht wirklich, dass die eigene Frau (Ulrike) mit Schwemmers und dessen Frau Eva auf sehr merkwürdige Weise innerlich fremdelt. Mit Grund, wie sich zeigen wird.
Und die Letzte im Bunde, Annegret. Zunächst ganz unbedarft freut sie sich auf das musikalische Erlebnis, doch zugleich sind da Grundgelüste der Single Frau an das Leben, die sich ganz allmählich auch in der trauten Runde Bahn brechen werden.
Intensive Charaktere, die doppelbödig agieren, die voneinander wegdriften oder sich einander nach Längerem wieder nähern. Personen, deren Absichten mit vielen Schichten versehen sind, welche Karin Nohr treffend und mit langsamer Steigerung und Offenlegung in den Raum zu setzen versteht. Personen, bei denen im Lauf der Ereignisse eine Übertragung der Opern, der Personen Wagners, vor allem deren inneren Antrieben von der Bühne her auf die Besucher beginnen, abzufärben. Insgesamt eine sehr gelungene Darstellung einer sehr dynamischen Entwicklung in den Personen und Beziehungen untereinander.
Zudem bietet Nohr mit einem kleinen Kunstgriff (eine Zusammenfassung durch fiktive Schüler oder Schülerinnen) je eine sehr verständliche Einleitung in die einzelnen Werke des Rings und eröffnet, als quasi „klingendem Hintergrund“, immer wieder Verbindungen zwischen Leben, Erleben, Beziehung zueinander und Inhalt und Personal der jeweiligen Oper.
Ein interessantes, sprachlich rundum gelungenes und in der Form abwechslungsreich gestaltetes Buch, welches den „Ring der Nibelungen“ ganz anders näher bringt. Auf der Bühne und im Leben. Und damit aufzeigt, dass Wagner in den Anlagen seiner Personen, von Wotan über Loge bis zu den Rheintöchtern, auch generelle Typisierungen auf die Bühne gebracht hat, die bei den Protagonisten des Buches lebendig vor Augen geführt werden.