Unstillbare Sehnsucht
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Insgesamt
Es hat sicherlich an sich bereits einen hohen Reiz, durch Khaled Hosseini einen tiefen, von innen her erzählten Eindruck Afghanistans zu erhalten, damals und heute im Wandel der Zeiten, immer aber mit dem Kampf des einzelnen, den Kop über Wasser zu halten, das tägliche überleben zu sichern.
Das alleine aber macht weder den Erfolg noch den Reiz des Autors aus. Mehr als nur folkloristisch vermag es Hosseini, eine Geschichte zu erzählen, von Innen und Außen. Die Erzählfäden sich (welt-) weit verzweigen zu lassen und doch immer wieder auch an wichtigen Punkten zusammenführen zu können.
Wobei von der poetisch ausgestalteten Legende (wie zum Einstieg des Buches) über ganz reale Schilderungen (wie im Alltag der Protagonisten) über philosophische Betrachtungen des Lebens (die Sehnsucht danach, „ganz“ und „heil“ zu sein) bis zum dialogischen Interview Hosseini ebenso auch im sprachlichen Vermögen souverän den Stil je nach Anlass im Buch wechselt.
Gerade die märchenhafte Legende zu Beginn gibt dabei dem Leser bereits das Thema und den roten Faden durch diesen, sehr ruhig und breit erzählten Roman, mit an die Hand.
„Doch leider, Abdullah und Pari, sollte die glückliche Zeit im Leben Baba Ayub bald ein Ende finden“.
Dessen Geschichte erzählt der Vater den beiden Kindern Abdullah und Pari Anfang der 50er Jahre. Kinder, deren Leben hart ist, deren Mutter früh verstarb, die sich einfinden müssen mit der neuen Frau des Vaters, vor allem aber sich haben. Sich aneinander aufrichten, wenn es (erstmalig) harte Ohrfeigen für Abdullah gibt, wenn der Alltag gemeistert werden muss.
Doch genau diese Nähe wird zerstört. Die (ebenso emotional den Leser mitnehmend) geschilderte Härte des Lebens, die Not des Überlebens, lässt den Vater handeln und seine kleine, dreijährige Tochter Pari in Kabul einer anderen, wohlhabenden, Familie sie anvertrauen. Ein Kontakt über einen seiner Verwandten, der für diese Familie arbeitet. Mit Folgen für das innere Erleben der Kinder. Wie eine Ahnung durchzieht es von da an das Leben Paris, dass „sie nicht vollständig“ ist, dass etwas fehlt, auch wenn sie sich kaum real erinnern kann an das, was mal war an „echter“ Familie und Bruder. Egal, wo sie gerade lebt und sich aufhält.
Wobei Hosseini hierbei nun nicht stehen bleibt, sondern dieses „Grundthema“ in vieflacher Form durch teils assoziativ mehr neben- als aneinander gestellte Erzählfäden an vielen Orten bei vielen Personen immer wieder aufnimmt. Äußerlich zusammengehalten durch das Kreisen um die Heimat Afghanistan, innerlich zusammengehalten durch die innere Suche in manchmal äußerlich sehr widrigen Umständen.
So nimmt Hosseini seine Motive immer wieder auf, wie in einem eingestreuten Interview mit einer fiktiven Schriftstellerin , Nila Wahdati.
„Es war schlimm für mich, als sie (die Mutter) Kabul verließ ….. und mein Vater verhinderte, dass meine Mutter mich mitnahm“. Ein Nachgehen des Erlebens des „inneren Verlustes“, das sich als „Weltthema“ durch den Roman zieht und immer wieder den Leser in all den vielen Etappen der Geschichte zu berühren versteht. Etappen, die allesamt, und sei es auch nur am Rande, die Geschichte der beiden Geschwisterkinder weiter erzählen und illustrieren.
Gerade durch die Breite und die Ruhe seiner Erzählung gelingt es Hosseini, wie gewohnt, seine Figuren umfassende zu begleiten und auszugestalten. Ein Stil, der durchaus mit Längen einhergeht, der hier und da durch seine Perspektivwechsel für Verwirrung sorgt. Der aber im Gesamten auch zeigt, dass Hosseini ein tiefschürfender und sprachlich wunderbarer Erzähler ist.