Leidenschaft, die sich Bahn bricht
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Gesamtwertung
Man kann durchaus wissenschaftlich über die Liebe und das Verliebtsein sprechen. Biochemische Vorgänge vielleicht erläutern, psychologische Tiefenstrukturen im Einzelnen mitteilen. Danach ist man vielleicht schlauer, aber auch nur mit dem Verstand. Das Gefühl hinter den Erläuterungen erschließt sich auf diese Weise kaum.
Man kann aber auch einem frisch Verliebten lauschen, den eher dahin gestammelten Wortfetzen statt wohl abgewogener Sätze, den glänzenden Augen und der überquellenden Emotionalität und hat danach vielleicht einen eigenen, emotionalen Eindruck von dem, was da in einem Verliebten vor sich geht. Ohne das alles näher und genau in Worte fassen zu können.
Die Ruhe, die mit einer scheinbar erfüllten Partnerschaft einhergeht, das „nicht aushalten Können“ der „Ferne“ bei überbordenden Gefühlen, das „Hineinrutschen“, weil es sich einfach so ergibt und „richtig“ anfühlt, das innere Brodeln hinter äußerer Alltagsfassade und vieles mehr an möglichen Spiel- und Ausdrucksarten des Verliebtseins.
Formen, die Magriet de Moor in ihrer feinen, immer respektvollen, eher beobachtenden denn wertenden Sprache zur Mitte ihres „Romans in vier Teilen“ setzt. Vier Paare und deren Ergehen, die in allen Geschichten miteinander verbunden sind, setzt de Moor je zum Mittelpunkt einer eigenen Betrachtung. Durch die Verbindung der Personen ergibt sich dennoch ein „Weiterzählen“ von Geschichten auch der anderen. Vor allem aber gibt diese vierfache Sicht (mit entsprechenden Nebenpersonen) de Moor die Gelegenheit, die vielfachen Facetten der Liebe von ebenso vielen Seiten, oft in ganz einfachen Situationen und Worten, dem Leser emotional fühlbar nahe zu bringen.
Gustaaf, einer der Protagonisten der ersten Geschichte, drückt diese ganze Art der Betrachtung und Beschreibung aus seiner Person her aus: „Dennoch spürte er, ohne sich im geringsten darein zu vertiefen, so ein Psychologe war er nicht, dass dieses leichte Prickeln in der Luft in erster Linie etwas zwischen Atie und Martina war“.
Gustaaf wird seine Rolle spielen. Aber nicht psychologisierend, das ist wichtig. Artie, seine Frau, die Migräne Anfälle hatte, die an Martina untervermietet hat. Artie, die ganz ruhig bleibt, als Martina ihr von ihrer Schwangerschaft erzählt. Ganz ruhig, auch wenn ihr Mann Gustaaf der Vater des werdenden Kindes ist. Wie engste Freundinnen verbleiben Martina und Artie während der Schwangerschaft. Normale, vernünftige, abgeklärte, kluge Menschen eben. Wie übrigens alle weiteren Personen im Buch auch. Bis dann Gustaaf seine inzwischen schwer erkrankte Frau (was durchaus mit der Situation zusammenhängen könnte) die Treppe hinunterträgt. Und ihr Zähne zu spüren bekommt, wie es weder er noch der Leser erwartet hätte.
Da, wo die Barrieren niedergerissen werden, das nackte, entblößte Gefühl tobt, dem es egal ist, ob es gerade peinlich ist, ob es statthaft ist, ob es passt. Das Gefühl, das späterhin bei anderen dazu führt, einfach die Augen vor dem wahren Wesen des Angebeteten zu verschließen, sich von dessen Frau gar trösten zu lassen und doch ins bodenlose dann fallen zu müssen.
Ein Gefühl, eine Liebe, die im übrigen nicht nur in vielfachen Facetten der Paarbeziehungen von de Moor im Buch verarbeitet wird. Auch, was die vier Söhne Gustaafs in dieser unwiderstehlichen Szene zu Beginn des Romans am Eingang des Hinterhofes ächzend vollziehen, ist seinem Wesen nach der Liebe entsprungen. Dem Versuch, Unvereinbares vereinbar zu machen.
Meisterhaft führt de Moor den Leser durch diese Untiefen der doch eigentlich gebildeten, geordneten Alltagswelt, welche dem Ansturm dieses „Ur-Gefühles“ doch hoffnungslos ohnmächtig gegenüber sich erweisen wird. Menschen, die diesen Lieben und Verliebtheiten wenig bis keine Kontrolle entgegen zu setzen haben. Einzigartig werden die individuellen Eruptionen hinter den Fassend der ganz durchschnittlichen Lebenswelt hervorbrechen.
Knurren ist da der passende Laut, verkniffene Augen, heiße Wut, wo lange Zeit doch Harmonie und Liebe den Alltag bestimmte.
„Erst 12 Tage später …. sollte er begreifen, was er heute, in einem ganzen Spektrum von Nuancen, in ihrem Gesicht gesehen hatte“. Und vor dem, wie die verbundenen Geschichten zeigen, keiner in keiner Lebenslage oder äußerlich vermeintlichen Stabilität gefeit ist.
Treffend, nicht ständig interpretierend, den Dingen, dem „Gefühl“ seinen Lauf lassen und es dabei sprachlich bestens beschreiben können, so bietet dieses Buch in seiner einfachen und dennoch feinen und präzisen Sprache einen tiefen Einblick in den Vulkan, den die Liebe immer wieder auf alle möglichen Arten, oft auch unpassend, aber unwiderstehlich, anfacht.