Flamingos im Schnee

Das Wunder der Lebendigkeit
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5

Flamingos im Schnee

Es ist schon ein sehr merkwürdiger Ort, an dem die alleinerziehende Mutter, ihres Zeichens Hula Tänzerin in Disneyworld, Florida, sich mit ihren beiden Töchtern einfindet.

Der Weg nur zu sehen vom Drive In Schalter einer Schnell-Bäckerei, auf der Fahrt über die Hauptstrasse ändern Geschäfte ihren Namen, das vorher ausgesuchte Hotel ist nirgends zu finden. Und dabei heißt der Ort doch „Promise“ (Versprechen). Deswegen ist Alicia mit ihren Töchtern Campbell und Perry doch da, und nun fällt die Orientierung schwer.

Campbell, schwer an Krebs erkrankt, die Hoffnung der Ärzte am Ende, nach Chemotherapien und allen möglichen anderen Versuchen hat sich Campbell nur mehr eine Schutzmauer nach außen erbaut, kreist nur noch um sich und die Blaubeerartigen Flecken des Hautkrebses.

„Cam wusste, das lockerlassen ihr Ende bedeuten würde. Ihre Wachsamkeit war alles, was ihr noch blieb“. Nur, dass diese Wachsamkeit das Leben selbst außen vor hielt. Wie im Pool, unter Wasser. „Man merkte weniger, dass man weinte, wenn man unter Wasser war“. Aber kann es das dann gewesen sein für die kurze Zeit, die ihr noch bleibt?

Sie wollte überhaupt nicht an so einen „Wunderort“, hat auf dem Weg noch die Freundschaft zu ihrer Leidensgenossin zerstört und hält sich, meist ironisch, vor allem an ihrer „Flamingo Liste“ aufrecht. Dinge, die noch zu tun sind. „Sich in ein Arschloch verlieben“, „Dem Freund der besten Freundin zu nahe kommen“, „seine Unschuld auf einer Fassbierparty verlieren“ und andere, eher merkwürdige Assoziationen.

Die nun aber interessanterweise so langsam ins Leben treten und abgehakt werden können. Auf ganz andere Weise, als Campbell sich das vorgestellt hätte. Und ja, auch die Liebe tritt in Promise noch in ihr Leben, wenn auch mit Umwegen.

Vor allem aber geschehen auf dem Weg und im Ort Dinge, die man, je nach Betrachtung, entweder als „sehr merkwürdigen Zufall“ oder tatsächlich als „Wunder“ bezeichnen könnte. Der kleine Welpe, um den sich Campbell kümmert, der eingeschläfert werden soll und doch am nächsten tag äußerst lebendig auf sie wartet. Die Gruppe Flamingos, die dort in Maine ganz unüblich auftaucht. Und in Gefahr im Schneegestöber gerät (im Juli. In Maine!). Und Tweety, ihr entflogener Vogel, der in Promise einfach so wieder auftaucht.

Es ist eben eine Frage der Betrachtung, was man als Wunder einordnet oder ob man sich solchen Gedanken strikt rational völlig verweigert.

Dies ist der Erzählrahmen den Wendy Wunder ihrem Roman gibt und in dem sie vordergründig Spannung durch die Frage aufbaut, ob denn an Campbell ein biologisches Wunder geschehen kann und wird, eine Heilung.

Doch auf einer tieferen Ebene dieses flüssig und unterhaltsam erzählten Romans (bei dem man sich die Verfilmung von der ersten Seite an plastisch bereits vorstellen kann), geht Wunder durchaus behutsam einem anderen, dem eigentlichen, einem echten Wunder nach. Der Veränderung der Campbell, heraus aus ihrer rein egozentrischen, nur um sich kreisenden Sicht der Welt. Das eigentliche Leben ist nicht in den biologischen Jahren zu messen, sondern in der Fähigkeit zu Empathie und Bindung.

So ist es eine der Schüsselstellen des Romans, als die kleine Schwester Perry ungeschminkt die Wahrheit sagt und Campbell begreifen lernt, das „die anderen“ durchaus große Opfer für sie bringen.

So bildet das Buch im Kern einen Entwicklungsroman aus der Eigendrehung heraus hin zur Öffnung für die Welt und ihren Zauber und setzt das Vertrauen und sch öffnen können als wichtigen Wert. Wichtiger, als die Frage nach äußerer Heilung.

Das alles, vor allem die Schilderungen und Folgen der Erkrankung, verbleiben angenehm unprätentiös im Buch, ohne Pathos oder ein künstlicher Druck auf Tränendrüsen. Sehr lesenswert.

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