Fachkräftemangel – Fakt oder Fiktion?: Empirische Analysen zum betrieblichen Fachkräftebedarf in Deutschland

Fachkräftemangel

Seit Jahren bereits ist der „Fachkräftemangel“ Thema der öffentlichen Diskussion. Und oft wird rabenschwarz an die Wand gemalt, das in kürzester Zeit die gesamte deutsche Wirtschaft in Schwierigkeiten geraten wird, weil es nicht mehr gelingt, die notwendige Zahl an qualifizierten Arbeitskräften für bestimmte Industrie- und Produktionsbereiche auszubilden und einstellen zu können.

Von Lösungen der ständig optimierten Qualifikationen über politische Schlagworte wie „Kein Kind darf mehr (auf dem Weg der Bildung) verloren gehen“ bis hin zu gelenkten und kontrollierten Zuwanderungsbewegungen qualifizierter (zumindest qualifizierbarer) Arbeitskräfte aus dem Ausland reichen hier rege diskutierte Lösungsvorschläge.

Anja Kettner hat sich im Rahmen ihrer Dissertation diesem Thema in sehr grundlegender Weise zugewendet. Wobei wenig „Lösungen“ im Schwerpunkt ihrer Aufmerksamkeit stehen, sondern sie ich der dahinter stehenden Frage zuwendet, ob dieser betonte Mangel an Fachkräften tatsächlich real existiert oder eher eine Fiktion darstellt.

Denn es gibt ja auch die andere Seite, die anderen Statistiken in der öffentlichen Diskussion. Die Seite der arbeitslosen Ingenieure, die Seite der Zahlen von Fachkräften in Ausbildung und Studium und der geschätzte jährliche Bedarf an denselben, der in manchen Statistiken und Prognosen deutlich zu ungunsten der jungen Fachkräfte sich darstellt.

So stellt sich, allein schon bei der konkreteren Definition des Begriffes „Fachkräftemangel“ die Frage, die Anja Kettner zu Beginn betrachtet, ob es tatsächlich ein „Fachkräftemangel“ ist, der zu konstatieren im Raume steht, oder viel eher ein „Rekrutierungsproblem“ bestimmter Industriezweige und Firmen. So führt die Lektüre des Buches zu einem Verständnis eher in Richtung eines „Fachkräfteengpasses“ und damit auch zur Behandlung des Themas, ob (und wenn ja, wo) für diesen „Engpass“ ein Potential zur Verringerung vorliegen könnte und wie dies genutzt werden sollte.

Teil 1 bietet eine intensive und differenzierte Auseinandersetzung zu den Begriffen des „Fachkräftemangels“, des „Fachkräfteengpasses“ und des „Arbeitskräftemangels“ und kann in dieser Differenzierung konkret jene „hausgemachten“ Probleme benennen, die zu Engpässen führen und allerdings andere als wirtschaftspolitische Maßnahmen erfordern würden, um dieses Problem zu lösen.

Im zweiten Teil legt Kettner Möglichkeiten der empirischen Untersuchungsmethoden in Form von repräsentativen Unternehmensbefragungen vor, die ein deutlicheres Bild letztendlich anzugeben vermögen, als das es reine Statistiken etwas der Agentur für Arbeit vermögen.

Als Ergebnis der fundierten Vorarbeiten bietet diese Arbeit ein umfassendes Bild zur betrieblichen Rekrutierungssituation in den Jahren 2006 und 2007 und bietet ebenfalls eine ganze Reihe von Möglichkeiten zu Rückschlüssen, welche Faktoren diese Situationen geprägt und verursacht haben. Mithin folgt daraus die Möglichkeit, gegensteuernde Maßnahmen gezielt zu entwickelnd und im Verständnis als ein „Rekrutierungsproblem“ aus einer ganz anderen Richtung her sich des Problems zu vergegenwärtigen. Politische Forderungen und Rahmenbedingungen haben auf dieses Problem deutlich weniger Einfluss, als die Industriezweige und Firmen selbst.

Eine fundierte Dissertation zu einem aktuellen, hoch interessanten Thema, das die Zukunft der Fachkräftesituation intensiv in den Blick nimmt und vielfache Impulse für die weiterführende Diskussion in sich trägt.

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