Logik oder Gefühl oder Logik und Gefühl?
-
Gesamtwertung
Dass die „Historische Gesellschaft“ das überquellend umfangreiche, in seinen Augen aber nichtssagende und aus eher belanglosen Stichworten bestehende Tagebuch seines Vaters würdigt und diesen als den “Samuel Pepys der Südstaaten“ bezeichnet, kann Neill nicht ganz nachvollziehen (immerhin hat er seinen Vater ja auch noch „live“ erlebt), muss ihn aber nicht weiter interessieren. An sich.
Dass aber sein Chef im Silicon Valley sich darauf versteift hat, eine echte künstliche Intelligenz zu schaffen, einen selbstlernenden Computer, der gar zu Unterhaltungen fließend fähig ist und vielleicht sogar Gefühle entfaltet und dass dieser Chef als Grundlage der Programmierung just diese 5000 Seiten Tagebuch legt (der Hauptgrund im Übrigen, warum Neill als Sohn in der kleinen Firma mit für dieses Projekt verantwortlich zeichnet), dass setzt ihn doch einerseits in Erstaunen und andererseits unter einen gewissen Stress.
Denn, merkwürdigerweise, unerwartet und vom Programmierer jenem „Dr. Bassett“ (der Spitzname des Computers“ gar nicht zugetraut, werden die „Unterhaltungen“ mit der Maschine im Lauf der Zeit doch sinnvoller.
„Bist Du das, Papi“, fragt Neill dann doch eines Tages in die Weitend er Tastatur hinein.
Eine mehr und mehr Offenbarung für Neill.
Der getrennt von seiner Frau, die 30 überschritten, sein Junggesellenleben zwar geregelt und geordnet, aber doch innerlich getrieben von unerfüllten Sehnsüchten führt, eigentlich genug anderes mit sich zu tun hat, als auch noch den kurzen, aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen seines „Maschinenvaters“ zu lauschen.
Sich auch mal in einer Jugendherberge einmieten um an „junge Dinger“ oder überhaupt körperliche Freuden zu gelangen, dass sind aktuell eigentlich seine Wichtigkeiten. Vor allem, sich dabei dumm und merkwürdig vorkommen. Denn ein Draufgänger ist dieser Neill bei weitem nicht.
Doch er entdeckt, dass sein Vater nach dem Tod in den Algorithmen der Programmierung der KI beginnt, tatsächlich zusammenhängend zu ihm zu sprechen. Die tieferen Beweggründe für den Selbstmord des Vaters, für manch vorherige bis dato nicht einschätzbare Verhaltensweisen, für sein Verhältnis zu seiner Frau, Neills Mutter und seinen beiden Kindern werden Neill Tag für Tag klarer.
Und mehr noch, in seiner aufkeimenden Beziehungen zu einer gerade 20jährigen (die Jugendherberge) und seiner emotionalen Indifferenz dem allen gegenüber beginnt Neill, auch ein Stück zu sich selbst zu finden. In diesem ganz absonderlichen Setting eines „Chats“ mit einer Maschine, die irgendwie sein Vater ist, oft aber auch nur kryptische Aussagen tätigt.
So legt Scott Hutchins in seinem Debüt einerseits einen offenen Blick auf den „modernen Menschen“ in seiner emotionalen Unentschiedenheit vor und zeigt in feiner , eleganter, vor allem aber legerer Sprache dann doch mögliche Wege zu einer inneren Entscheidung und zu sich selbst. Wie er andererseits dem Leser in Romanform ohne technisch zu sehr zu überfordern einen ebenso interessanten Einblick in den Stand der Entwicklung einer KI vermittelt. Denn auch diese „Maschine“ wird sich dem weiten Bereich der Liebe emotional beginnen, zu nähern.
Was aber ist stärker? Die Assoziationen des (merkwürdigen) Vaters, die strengen Algorithmen der sachlichen Logik, in der sich ein Schritt auf den anderen zu beziehen hat oder die zarte Annäherung an eine ganz reale, auch mit Hürden und inneren Fragen befrachtete Beziehung?
Sprachlich und in der Dynamik der Beziehungen zwischen den Personen und zwischen Personen und „der Maschine“ eine unterhaltsam und anregend zu lesendes Buch, dass die verbreitete moderne „Orientierungslosigkeit des Seins“ ebenso ironisierend vor Augen führt, wie die persönliche „Sinnfindung“ in all dem Taumel der Zeit.