Die Wahrheit und andere Lügen

Treffsicher erzählt
  • Gesamtbewertung
5

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Die vielfachen Erfahrungen in Richtung Drehbuch merkt man Sascha Arango in diesem Roman deutlich an. Strukturiert, klare, abgegrenzte Szenen, ein durchgehend roter Faden im Vordergrund und ein sich stetig, intensiv entwickelnder „roter Persönlichkeitsfaden“ im Hintergrund sorgen für eine sich stetig aufbauende Spannungskurve, die umgehend verfilmt werden könnte. Vor allem, da die Frage nach dem Ende allezeit in der Schwebe verbleibt, so dass auch in dieser Hinsicht hohe Spannung erhalten bleibt.

Wer ist dieser Henry Hayden wirklich, vordergründig Bestsellerautor und Hauptperson des Romans? Was geht in ihm vor?

Einfach ein in sich schwankender Mensch? Schwach darin, dass zu tun, was er als richtig erkennt und sich fest vornimmt? Einfach nur durch Zufälle daran gehindert, die „richtige“ Gelegenheit für das klärende Wort zu finden? Einer, der Schlimmes als Kind erleben musste?

Oder einer, der vor allem sich selber zu belügen versteht? Einer, der schon sehr genau „seinem Plan“ nachgeht, sich darin aber nicht ertragen könnte? Der die Person im grünen Subaru doch erkennt, aber nicht sehen will? Der hinter der Kurve nur vordergründig auf den nachfolgenden Wagen wartet, aber innerlich doch genau abschätzt, wo er da steht und was die Betonklötze am Rand der Straße alles anrichten könnten? Dann aber schnell hilft?

Einer, der zwar weiß, dass er die Finger hier und da von den jeweiligen Frauen lassen sollte, aber doch keine Kontrolle über „seine Finger“ hat? Einer, dessen Pyjama als Kind tatsächlich einfach zerrissen ist, oder der doch ein wenig nachgeholfen hat?

Je mehr Arango den Leser in diesen Henry einführt, je mehr er von der Vergangenheit des Bestsellerautoren aufdeckt, desto ambivalenter wird das Bild dieses Mannes und die Frage steht immer deutlicher im Raum, ob Henry mehr durch die Ereignisse seines aktuellen Lebens taumelt oder diese doch perfide und geschickt auch steuert. Schon als Kind.

Eines allerdings ist klar: „Herrgott im Himmel, wenn ich die Wahrheit sage, glaubt mir keiner“.

Nicht nur, was seine Manuskripte angeht. Aber, glaubt er sich selbst? Einer, dem der Leser lange Zeit zunächst auch einfach nicht böse sein kann. Kann er denn was dafür, wie sich das entwickelt alles? Kann er was dafür, was er damals unter dem Bett dieser merkwürdigen Frau gefunden hat, die er später heiratete? Oder für all das, was folgen wird?

„Dies wäre die Gelegenheit für ein offenes Wort gewesen …. Aber in keinem Moment ist der Mann feiger, sind seine Lügen erbärmlicher, als wenn man ihn in flagranti erwischt“.

So sieht das Henry, so mag das sein. Nur, dass man ihn gar nicht wirklich in flagranti erwischt hat. Es fühlt sich für ihn eben nur so an und bietet wieder eine willkommene Ausrede, ganz andere als die nun eigentlich angesagten Wege zu planen und zu gehen.

Ein „Kind-Mann“, der mit allen Verdrehungen und auch schrägen Argumentationslinien sich das gönnt, was genau er will. Immer nur dem akuten, kurzfristigen Drang folgend und das wohl begründen könnend.

Mit einer ständig mehr verwischenden Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, auch sich selbst gegenüber und einem „es sich einfach machen“ auch in dramatischsten Momenten.

Das alles fängt Arango auf den Punkt ein und erzählt mit gleichbleibendem Tempo eine fesselnde Geschichte, deren Ende lange Zeit überhaupt nicht absehbar ist. Was den Reiz des Lesens noch einmal deutlich erhöht und auch ihn selbst pointiert vor die Frage nach der gleitenden Grenze von Wahrheit und Lüge im Leben stellt.

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