Das Ende eines politischen Aufbruchs
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Gesamtwertung
„Los geht´s! Beladen mit Schatten der Erinnerung…… Los Geht´s! Zum Klang deiner schweren Schritte“.
Die Melancholie des Tango Argentino, die Schwermut der Texte, das „losgehen“ in den Tanzschritten, Schritt für Schritt, ohne zu wissen, wohin der Tanz einen tragen wird, jene Tangotexte sind es, die Roberto Ampuero jenem Erzählstrang in seinem Roman vorweg setzt, der sich mit den letzten Tagen Allendes, mit der Hoffnung, die damals in Chile politisch aufgeflackert war und die doch an der wirtschaftlichen Realität zerschellte, beschäftigt.
Kongenial zu diesem Strang steht moderne Rocklyrik je als Leitwort über jenen Kapiteln des zweiten Erzählstranges, der aus der Gegenwart heraus sich dieser Vergangenheit nähert. So, wie eben zwei Welten im Buch aufeinander prallen (ebenso, wie es der politischen Realität damals entsprach) und doch sich ineinander als verflochten darstellen werden.
Der ehemalige CIA Agent David Kurtz ist noch einmal, nach Jahrzehnten, wieder in Chile. Auf persönlicher Mission. Bei sich trägt er ein wenig der Asche seiner verstorbenen Tochter. Die damals, als die ganze Familie in Chile lebte und Kurtz auftragsgemäß alles daran setzte, diesen „sozialistischen Versuch“ in Chile zu behindern, zu torpedieren, zum Scheitern zu bringen. Ganz im Sinne der Politik der USA. Und erfolgreich hat er gearbeitet, keine Frage. Gegen die Wirtschaftsmacht im Hintergrund und die vielen Stecken, die in das Getriebe Chiles verdeckt geworfen wurden, hatte der „Doktor“ Allende keine wirkliche Chance.
Eine Geschichte „hoher Politik“, die, so wird David Kurtz schmerzlich, begleitet war von Grausamkeiten, Folter, vom Verschwinden hunderter unliebsamer Menschen. Hat er gar selber Anteil gehabt an dramatischen Ereignissen, an der Zerstörung des Glückes seiner damals jungen Tochter?
Bei seiner Suche findet Kurtz das Tagebuch Rufinos. Koch und Assistent Allendes, ehemals selbstständiger Bäcker (aber wie will man ohne Mehl Brot herstellen?). Und folgt auch diesen Spuren aus der Vergangenheit der frühen 70er Jahre. Spuren des Tangovirtuosen Allende, Spuren des Frauenliebhabers Allende, Spuren des Präsidenten eines wankenden Landes, der versuchte, die bürgerliche Freiheit zum Leben zu erwecken und die Gewalt einzudämmen. Einer, der sich nachher von den Stützen seines Staates verraten sah und den unvermeidlichen Weg in den Tod ging. Wie so viele andere zu jener Zeit in Chile.
Ganz hervorragend versteht es Ampuero, die Atmosphäre, die innere Zerrissenheit Chiles jener Jahre lebendig vor Augen zu führen. Er nimmt den Leser mit auf diese Spurensuche, die auch zeigt, wie von außen alles dafür getan wurde, dass Allende scheitert und wie Grausamkeit und Gewalt als Mittel von Kapital und „großer Weltpolitik“ bedenkenlos eingesetzt wurden.
Aber ebenso hervorragend führt Ampuero auch die Personen vor Augen, zeigt auf, wie alles mit allem verbunden ist (auf verblüffende Weise zum Ende des Buches hin) und lässt einen tiefen Einblick zu in den Menschen Allende, in seine Vertrauten, in das Leben und die Ideale, die damals „auf den Weg gebracht wurden“.
„Der letzte Tango des Salvador Allende“ ist ein grandioser Roman über ein ganzes Land, der mit seiner bildkräftigen Sprache und seinen differenziert dargestellten Personen besticht. Ein Buch, das Zusammenhänge im kleinen und großen deutlich macht und sprachlich ausgereift eine ganz hervorragende Lektüre darstellt. Sehr empfehlenswert.