Der Himmel auf ihren Schultern

Aufrührend
  • Gesamtwertung
5

Der Himmel auf ihren Schultern

Es gibt nicht viel Literatur zu jenen „dunklen Ereignissen“ der Gulags, die über Jahrzehnte in der ehemaligen Sowjetunion für Angst und Schrecken, vor allem für das Verschwinden zigtausender Menschen stehen.

Während Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ in der Aufarbeitung dieses Lagersystems der Schreckensherrschaft einen tiefen Einblick vor allem in das Lagerleben gab, wendet sich Sergej Lebedew in sehr poetischer und bildkräftiger Sprache nun literarisch der gesamten Atmosphäre, den Gulags und dem „drum herum“ intensiv zu. Und vollzieht dies aufwühlend und aufrührend für den Leser, lässt vor allem die innere Verzweiflung, die Aufarbeitung der Vergangenheit, die Ohnmacht der Menschen diesem System gegenüber greifbar werden.

Aus den Augen des Ich-Erzählers heraus macht sich Lebedew auf den Weg in die Vergangenheit. In eine konkret fassbare Vergangenheit, denn der großväterliche Freund des Erzählers, „Großvater 2“ ist zum einen Lichtgestalt des Mannes bei seinem Aufwachsen gewesen, andererseits aber auch Satan persönlich für viele, viele ins Lager deportierte. Ein solches Lager hat „Großvater 2“ zu Zeiten geleitet.

„Zweiter Großvater – nur so kann ich ihn nennen, ein blinder, alter Gärtner“. Was dieser früher gemacht hatte, das wusste niemand im Dorf, der „zweite Großvater existierte stets außerhalb der Nachforschungen“.

Und doch lüftet der Enkel das Geheimnis dieses Mannes. Und mehr. Atmosphärisch dicht beschrieben stellt Lebedew dar, wie das war, damals. Wie die „Quote“ erfüllt sein musste und wenn die Zahl derer, die in Güterzügen in die Lager verfrachtet wurden, nicht stimmte. Wenn einer nicht verhaftet wurde, wenn einer gestorben war auf der Fahrt jetzt schon, dann wurde sich „einfach so“ auf den Bahnhöfen „bedient“. Völlig Fremde, Unschuldige in die Waggons verfrachtet, auf dass die in den Papieren erfasste Zahl wieder stimmt. Eine Ohnmacht, eine Unsicherheit allenthalben und sondergleichen, die massiv in den Raums stellt, wie „allherrschend“ das System damals vorging.

Um mehr aber noch geht es in diesem Roman, um mehr als Ohnmacht, Gräuel und „dass keiner wiederkam“. Es geht auch um die existentielle Frage, ob Menschen sich ändern können, ob Einsicht möglich und hilfreich überhaupt sein kann. Ist der „zweite Großvater „ ein anderer Mensch geworden, eben jener, der sich zuwendend um den „fast Enkel“ kümmerte oder hat er sich nur bestmöglich geduckt und versteckt, um sich seiner Verantwortung nicht stellen zu müssen? Und wenn das ginge, warum verschwinden dann nach seinem Tod alle Zeichen seiner Vergangenheit, vor allem Orden und Auszeichnungen?

Die kleine Feriensiedlung, in der sich dieses Aufwachsen und leben mit dem alten Mann abspielte, war diese doch nur „auf den ersten Blick“ eine „kleine Insel des Seelenfriedens“ oder konnte man nach dem, was man in den Straflagern verantwortet hat, tatsächlich seinen Frieden mit sich machen? Und, später, kann der Ich-Erzähler seinen Frieden mit diesem vertrauten, alten Mann finden?

Intensive Fragen, denen Lebedew atmosphärisch dicht und mit intensiven Beschreibungen des Innen und des Außen nachgeht. Eine Vergangenheitsbewältigung der, die auch tiefe, existentielle Fragen berührt und aufwirft.

In der Durchmischung von gestern und heute, von Traum und Fakten und der sehr poetischen Sprache ist das nicht immer einfach nachzuvollziehen, „Der Himmel auf ihren Schultern“ ist ein Buch, auf das man sich als Leser emotional einlassen muss, um die Sprache wirken lassen zu können, aber eine intensive und aufrührende Lektüre bietet Lebedew durchweg, die das Lesen lohnt.

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