Wie die Väter so die Söhne?
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Gesamtwertung
„In unserer Klasse waren wir vierzehn. Neun lasen unwillig die Bibel (oder drückten sich davor), fünf zweifelten an den Worten der Tora, weil das erlittene Unrecht zu groß und grausam gewesen war“.
So sieht sie aus, die Verteilung von Schülern und Schülerinnen in der Klasse „Mozart“ des „Colegio Friedrich“ in La Plata, Argentinien. Der einzigen deutschen Schule vor Ort. Erstmal wenig ungewohnt, mag man aus heutiger Sicht meinen. Wenn im Buch nicht das Jahr 1952 geschrieben würde. Und die Zusammensetzung der Klasse aus eben fünf jüdischen Jugendlichen und neun jugendlichen Kindern geflohener Nazis bestehen würde.
Umgehend gerät Tom Blume (wobei „Blume“ natürlich nicht der ursprüngliche Familienname ist, „unser richtiger Familienname spielt keine Rolle“. Und das mit Grund) zwischen die Gruppen. Eilt zwei Schülern in einer Rauferei zu Hilfe und findet sich unversehens als Sohn eines Kriegsverbrechers und ehemaligen Adjutanten der SS auf der Seite der jüdischen Mitschüler wieder. Was ihm durchaus Recht ist, denn Tom schämt sich zum einen zutiefst für das, was auch sein Vater gelebt hat. Ein Vater, mit dem es hart auf hart geht. Täglich. Gegen Tom. Gegen die Mutter. Und alle werden sie irgendwann aufbegehren. Mit ungewissem Ausgang.
Sicher ist Tom seine Aufnahme in die jüdische Schülerschaft aber auch aus einem anderen Gründen sehr Recht. Schon auf dem Weg zum ersten Schultag ist ihm ein Mädchen aufgefallen, das sein Herz höher schlagen lässt. Und die, ohne etwas dafür zu können, mitten hinein gerät in die harten Auseinadersetzungen zwischen den Gruppen nach dem Krieg in Argentinien. So verschweigt Tom lieber erst einmal, dass er gar kein Jude ist.
Die einen auf Schleichwegen geflohen, von Peron geschützt, unter Palmen. Wie im Paradies eben. Aber nur äußerlich, denn „die anderen“ werden nicht ruhen angesichts des Verbrechens, des Unrechtes. Der Mossad ist aktiv, unterstützt von der jüdischen Gemeinschaft vor Ort. Ein Paradies wie ein Gefängnis, äußerste Vorsicht hat zu walten und doch regt sich nirgends, zumindest bei den deutschen Männern nicht, Einsicht in das Unrecht. Wie gehabt wird gelebt.
Aber die Frauen und der ein oder andere Nachkömmling beginnen, die Fronten, aufzubrechen. Mit zunächst grausamen Folgen, mit Mord und Erpressung. Auch, weil es eine entlarvende Liste gibt, die plötzlich verschwunden ist und auf gar keinen Fall in die falschen Hände (die des Mossad) geraten darf. Und all dies geschieht nicht nur auf der „Väterebene“, sondern „die Weißen“ an der Schule führen unreflektiert die Ideologie ihrer Väter fort und gehen ganz offen gegen die andere Gruppe, die „Kippot“ vor.
Ein Hass, eine Verfahrenheit, die Jürgen Seidel ebenso intensiv erlebbar im Buch gestaltet, wie die Atmosphäre in Argentinien, das Leben der untergetauchten Deutschen, die Unfassbarkeit der getöteten Familienmitglieder auf jüdischer Seite. Greifbar wird dieses Leben in den frühen Nachkriegsjahren, das in Deutschland zumindest in diesen Einzelheiten so breit bekannt gar nicht ist.
Das eigentliche Thema des Buches aber ist die Übertragung einer zwanghaften Ideologie auch auf die eigenen Kinder und jene Momente und Entwicklungen, denen es gelingt, sich aus diesen Zwängen zu lösen.
Tom steht für eine Seite dieser Loslösung, in der Auflehnung gegen den (hoch unsympathischen) Vater, in der Liebe zu einem jüdischen Mädchen. Und auch die andere Seite wird sich damit auseinandersetzen müssen, dass da ein Nazi-Spross, mitten unter ihnen als Freund betrachtet wurde. Und noch lange nicht jeder, in beiden Gruppen nicht, wird bereit sein, sich mit der „neuen Welt“ anzufreunden und seine verhärteten Fronten zu verlassen.
Ganz nebenbei setzt Seidel diese grundlegenden historischen Sachverhalte in eine spannende Geschichte um Mord und Kidnapping hinein, in bleihaltige Auseinandersetzungen und verdeckte Beschattungen, in großdeutsches Getue und den Versuch mancher, einfach einen persönlichen Frieden mit all dem Geschehenen zu finden.
Eine spannende und historisch sachgerechte Lektüre, nicht nur für Jugendliche (sicher die erste und eigentliche Zielgruppe des Buches).