Das Leben ist groß

Schach als Allegorie auf das Leben
  • Insgesamt
5

Das Leben ist groß

Zwei Protagonisten bestimmen die Handlung in dem vorliegenden Debütroman von Jennifer duBois. Es sind der russisches Schachspieler Alexander Besetow und die junge amerikanische Dozentin Irina Ellison.

Im Schachspiel finden sich Parallelen zum menschlichen Handeln, die uns zuweilen überraschend erscheinen. Hier werden sie in einer wilden Geschichte voller Abenteuer, Ängste, existenzieller Nöte, vergeblicher Liebeshandlungen und politischen Unwägbarkeiten thematisiert. Sieg und Niederlage, kluge Schachzüge, die Überlegenheit zur Folge haben oder begangene Fehleinschätzungen, die zu Niederlagen führen, bestimmen die Handlung. Diese bewegt sich in einem Zeitraum zwischen 1980 bis 2007. Jennifer duBois bemüht reale weltpolitische Ereignisse im Wechsel mit der Fiktion ihrer Figuren, um aus abwechslungsreichen Perspektiven die Handlung zu beleuchten. Irina berichtet in der Ichform, doch Alexander Besetow erscheint uns als die alles überragende Romanfigur. Als junger Mann reiste er von der fernen Insel Sachalin nach Leningrad, wo er zunächst in großer Armut und im Elend hauste. Er fand Aufnahme in der Schachakademie und spielte schon bald mit Erfolg gegen die Schachgrößen aus aller Welt. Irina, die aus USA in die Stadt reiste, um Besetow zu treffen, leidet wie ihr Vater an der Krankheit Chorea Huntington, die ihr buchstäblich den Verstand rauben wird. Sie erhofft sich von Besetow eine Antwort auf die Frage, wie man weitermachen könne, wenn die Niederlage unabwendbar ist.

Atmosphärisch dicht und eindrucksvoll kann man sich die Kälte, den Schmutz und die ärmlichen Behausungen Alexanders zu seiner Anfangszeit in Leningrad gut vorstellen.

Doch mit seinen Erfolgen kehrt der Wohlstand bei ihm ein. Er engagiert sich politisch und wird zu einem gejagten Dissidenten.

Fast zusammenhanglos kommt die Amerikanerin Irina Ellison hier zu Wort. Die Diagnose ihrer Krankheit im Jahr 2006 löste eine schwere Lebenskrise bei ihr aus. Mit der Reise nach Russland verbindet sie ihr Schicksal mit dem von Alexander Besetow, der als Dissident des politischen Systems zahlreiche Unannehmlichkeiten zu ertragen hat. Sie arbeitet für ihn und muss sich ständig vor Attentätern und Heckenschützen verstecken.

Die Geschicke dieser zwei Menschen zeigen uns, welche Höhen und Tiefen sie erfahren, und wie man unter den schlimmsten Bedingungen weiterleben kann. Ihre Schicksale kulminieren zu einem Feuerwerk von Ideen und Ereignissen auf der einen und der anderen Seite, vergeblichen Liebesgeschichten und politischen Aktionen. Freunde werden zu Feinden und umgekehrt.

Der Roman ist voller Details über die Zustände in Russland mit seinen politischen Manövern und aberwitzigen Machtkämpfen um Vorherrschaft, wie wir sie aus den täglichen Nachrichten kennen. Die Demokratie wird zu Grabe getragen, und unser Held Besetow wird am Ende noch zum Konkurrenten für Putin.

Jennifer duBois ist eine kluge Erzählerin. Irrwitzig, vielschichtig und kraftvoll breitet sie das Panorama menschlicher Irrtümer und Geschicke vor uns aus. Man erlebt die ganze Palette unwahrscheinlicher Fehlspekulationen und Gefühlswirrnisse, die das Leben erst zu einem wahren Abenteuer macht. Tragisch und gelegentlich komisch nimmt eine Erzählung ihren Lauf, die voller abwegiger Episoden steckt und die unterschiedlichsten Charaktere zu Mitspielern werden lässt. Man darf sich amüsieren und verliert gelegentlich den Faden. Doch in der Geschichte verflechten sich reale Handlungen wie Aufstände, Morde und Intrigen mit der fiktiven Handlung, so dass man heftig Anteil nimmt, wie das Ende der Geschichte sein wird. Man lasse sich überraschen.

Jennifer duBois lebt in USA und wurde 1912 von der National Book Award Foundation als eine der fünf besten Nachwuchsautorinnen geehrt. Der Roman wurde von Gesine Schröder aus dem Amerikanischen übertragen.

Kommentar hinzufügen