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Gesamtwertung
Todesnähe als Erfahrung und Wegbestimmung. Nach schweren eigenen Erfahrungen mit sterbenden Angehörigen macht sich Susanne Jung auf den Weg, ihre eigenen Vorstellungen von Tod und Sterben zu erforschen.
In einem sehr einfachen Ton mit schlichten Gedanken beschreibt Susanne Jung ihren Weg zur Einkehr und Reflexion über den Tod. Doch im Verlauf der Lektüre ersteht auch das Bild einer zur Reifung gelangten teilnehmenden und hilfsbereiten Sterbebegleiterin und zuletzt sogar Bestatterin. Wie ist sie dazu gekommen?
Der Tod des sehr geliebten Großvaters, der frühe Tod ihrer Mutter und ihrer Stiefmutter und zuletzt des Bruders führen sie auf einen Weg zur inneren Einkehr und Überdenken des Sterbens. Jeder Tod erschien ihr auf andere Weise. War sie beim Tod des Großvaters noch jung und ganz unerfahren, hat sie den Tod der Mutter schon bewusst wahrnehmen aber nicht realistisch darauf reagieren können.
Zunächst flieht sie aus dem Dunstkreis der Todesfälle und begibt sich auf eine lange Reise. Man könnte auch sagen: sie lebt zunächst ein freies und ungebundenes Leben, der den Tod weitgehend ausklammert. Erst mit 34 Jahren erlebt sie einen Zusammenbruch, nach dem sie sich dem Gedanken an den Tod intensiver widmen kann.
Anhand zahlreicher Beispiele erfahren wir, wie sie der Wunsch umtreibt, ihr Leben eng mit dem Tod zu verbinden. Sie wird Bestatterin!
Susanne Jung erhebt keinen hohen literarischen Anspruch. Es geht ihr einzig und alleine um ihren Weg, der sie zu einer positiveren Haltung dem Tod gegenüber gebracht hat. Ähnlich wie im Buddhismus findet man nach ihrer Meinung in der Askese und der Selbstbesinnung die wahre Erfüllung.
Die Autorin vertritt ihre Ansichten spontan und lebensnah. In der direkten Rede, mit der sie von der „Mutti“ spricht, zeigt sich eine noch unreflektierte Denkweise. Sie enthält sich ganz offensichtlich einer etwa missionarischen Haltung. Um mit dem Tod leben zu lernen, hat sie sich mit dem Verlust ihr nahe stehender Menschen auseinander gesetzt. Was kann man tun und wie begegnet man Sterbenden? Auf dem Weg zu ihrer Berufung als Bestatterin arbeitete sie zeitweise als Hospizhelferin. Die Hospizbewegung ist die sehr ehrenwerte Arbeit und Begleitung Sterbender und ihrer Angehörigen.
Ein einfaches, lesenswertes Erfahrungsbuch ist Susanne Jung gelungen, mit dem sie anhand ihres eigenen Lebensweges anderen zu mehr Offenheit und Freiheit bei der Wahrnehmung eigener Gefühle und Gedanken im Zusammenhang mit dem Tod verhelfen möchte. Man sollte keine anspruchvolle philosophische Abhandlung erwarten. Hier geht es um den praktischen Alltag und das tägliche Erleben, mit dem man lernt, sich auf die eigene Reise in den Tod vertraut zu machen.