Eine Wirtschaftsgeschichte mit noch offenem Ende
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Gesamtwertung
Ob nun wirklich „alles gekommen ist gegen den Willen aller“, wie es ein führender Atomphysiker einmal ausgedrückt hat, wird auch nach der Lektüre dieses Buches nicht zweifelsfrei zu entscheiden sein. Dass aber in Bezug auf die friedliche Nutzung der Kernenergie seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts vieles an Entwicklung nicht unbedingt „koscher“ wirkt, das ist kein Geheimnis.
Das Störfälle vertuscht wurden, Gutachten zurechtgebogen, das Vorteile gewährt wurde und, vor allem, das keine von Beginn an überlegte und feststehende „übergeordnete Planung“ vorhanden war, das allerdings ist offenkundig an vielen der Entwicklungen ablesbar. Nicht zuletzt daran, dass bis heute kein überzeugendes und tragfähiges Konzept für eine Endlagerung der Abfälle der Atomwirtschaft generiert wurde.
Wie taumelnd wirkt diese Geschichte der Kernenergie und der Atomkraftwerke. Als wäre oft nach dem Motto verfahren worden: „Was so sein soll, das muss auch zurechtgebogen werden“. Außer dem Willen, Atomenergie zivil zu nutzen, technisch voran zu sein und, natürlich, viel Geld mit dieser Form der Energieerzeugung zu erwirtschaften findet sich zunächst auf Planungsebene nicht viel zukunftsfähiges in den ersten Jahrzehnten der Nutzung der Atomenergie. Ein „Durchwurschteln“ an vielen Stellen, das einem, liest man es im Buch nach, nicht nur im Nachgang noch die Haare zu Berge stehen lässt.
Allein schon die Recherchen zur damals so wichtigen Frage nach einer „Energielücke“ und die fundierten Zweifel, die im Buch benannt werden an einer solchen „Lücke“ zeigen bereits auf, dass der „Wunsch“ Vater der Realitäten oft war, genauso, wie die ständige Beschwörung des „friedlichen und beherrschbaren Atoms“. Eine Mär, die nicht erst seit Tschernobyl oder Fukushima enttarnt ist. Störfälle und „Beinahe Katastrophen“ begleiten die zivile Nutzung der Atomenergie international seit Entstehen der ersten Atomkraftwerke. Um so verwunderlicher, wie trotz dieses Wissens sich das Staatsengagement stetig verstärkte. Auch dies im Buch interessant nachzulesen.
Die Entwicklung von der „Waffe“ zur zivilen Nutzung, die „Atomenergie als Integrationsideologie“ der 50er Jahre, der „ungeplante Siegeszug des Leichtwasserreaktors“, das sind die ersten, grundlegenden Teile im Buch, in denen die Autoren die, zunächst fast ungestörte, Entfaltung der Atomenergie nachzeichnen. Um dann mehr und mehr in den Vordergrund zu rücken, wie das „intern verdrängte Risiko“ Schritt für Schritt in die Öffentlichkeit sickerte und zur Entstehung der Anti-Atomkraft Bewegung führt. Eine Bewegung mit politisch durchaus umwälzenden Folgen, betrachtet man allein den Siegeszug der Grünen in und durch die Parlamente.
Wie letztendlich schon in der Wurzel angelegte „Fehlentwicklungen und Größenwahn“ ein „hin und her“ des Ausstieges anstießen und das es nicht damit getan ist, jetzt aufzuatmen angesichts eines bevorstehenden jahrzehntelangen Prozesses des Rückbaus einer fehlerhaften und ignorierenden Entwicklung, auch das benennen die Autoren klar und prägnant.
Das es neue Strukturen braucht, vor allem eine neue Haltung zur langfristigen Planung und zur Klärung der eigenen Ziele und das auch mit einer anderen Haltung im Managementbereich der Energiewirtschaft, mit diesem durchaus hoffnungsvollen Ausblick beenden die Autoren ihre Darlegungen.
Mit klar erkennbarer Position, durchaus „parteiisch“, führen die Autoren die Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie mit Schwerpunkt in Deutschland vor Augen. Eine Parteinahme, die allerdings nicht in Gefahr steht, die Fakten allzu einseitig zu verfälschen, denn diese sprechen im Buch für sich.
Ein Buch über Fehlentwicklungen , mangelnde Planung und einem „Geradebiegen“ von Problemen, das viel verrät über die Kurzsichtigkeit an maßgeblichen Entscheidungsstellen und das aufrütteln will, solche Fehler weder im Blick auf den notwenigen Rückbau der Atomenergie, noch im Blick auf die Entwicklung anderer Energieformen noch einmal zuzulassen.