Thriller der anderen Art
-
Gesamtbewertung
Als Autorenduo reüssieren Jerker Eriksson und Hakan Axlander Sundquit mit diesem Thriller zu einem düsteren, unterschätzen, oft nur am Rande wahrgenommenen, nervenaufreibendem Thema.
Kindesmissbrauch in vielfacher Form und Hinsicht ist das grundlegende Thema einer Trilogie, deren erster Band mit „Krähenmädchen“ nun in deutscher Erstveröffentlichung vorliegt. Ein Thema, dass die Autoren für Leser mit wahrlich guten Nerven aufarbeiten, denn bereits nach der Lektüre des ersten Drittel des Buches fragt es sich, ob überhaupt eine der handelnden Personen in ihrer Kindheit dieses Damoklesschwert des Lebens vermeiden konnten.
Und welche Folgen genau sich daraus für die einzelnen Personen wirklich ergeben. Folgen, die zunächst tief im Dunkeln der Handlung verborgen liegen.
So begleiten Traumata so mancher Personen die Handlung, die sich erst zu einem späteren Zeitpunkt in ganzer Tragweite dem Leser offenbaren.
Ein toter Junge. Tot. Missbraucht.
Aber schon nach einigen Tagen von den ersten Seiten der Zeitungen wieder verdrängt. Ein Fall, der Kommissarin Kihlberg nahe und nachgeht. Für den sie sich Hilfe holt bei der jungen Psychologin Sofia Zetterlund. Die doch auch in anderen Fällen bei anderen Klienten alle Hände voll zu tun hat, den Überblick zu wahren, die Rätsel zu lösen, die ihr so manche Klienten auferlegen.
Nicht zu Letzt die geheimnisvollen Victoria. Eine Frau, die Zetterlund hier und da auch privat sehr, sehr nahe kommen wird, mit ungeahnten Folgen und in lange Zeit ungeahnter und daher sehr überraschender Weise.
Immer wieder zeigen die Autoren in Rückblicken auf, wie sehr Ereignisse der Kindheit und Jugend den Menschen formen. Wie üble Initiationsriten auf Schulen, als Jux und Spaß gedacht, gravierende Folgen bei der ein oder anderen Teilnehmerin damals in der Gegenwart zeitigen werden.
Während sich auf dieser Ebene die Ereignisse erst langsam verdichten, das Autorenduo dem Leser zunächst immer wieder in Rückblicken die teils bedrängenden Hintergründe mancher Hauptpersonen eröffnen, ist der Leser auf einer anderen Ebene den Ermittlungen voraus.
Hautnah, plastisch und ohne ein Blatt vor den Kund zu nehmen bieten die beiden Autoren einen ungefilterten und emotional dichten Einblick in die Seele eines missbrauchten Kindes.
Lassen den Leser hautnah teilhaben am Erleben eines „Jungen in Erziehung“. Erziehung durch eine lange Zeit im Buch anonyme Frau, die sehr konkrete Vorstellungen und Vorlieben hat, die keinen Schritt und keinen Schnitt und keinen Schlag zurückhält, um den Jungen „ganz zum Ihren“ zu machen.
Wer aber ist was? Wer steckt hinter welcher Handlung? Wer mordet?
Fragen, die mit vielen Indizien, vielen Spuren in zunächst viele Richtungen führen und erst zum Ende dieses ersten Bandes mehr Rückschlüsse zu lassen werden.
Kühl, klar, direkt und zu einem bedrängenden Thema, das dem Leser emotional nahegebracht wird. Ein spannendes, dichtes Buch, welches das Lesen lohnt.
„Ein Junge kämpft um sein Leben und als er nicht mehr kämpfen will, peitscht ihn jemand aus. Ivo Andric war hart im Nehmen und hatte schon viele schreckliche Dinge mit ansehen müssen, aber so etwas hatte er noch nicht zu Gesicht bekommen“.
Ein Tatort und eine Autopsie, die nur den Auftakt bilden im Handeln (zumindest) eines sehr, sehr verstörten Menschen.
Auch wenn beide Autoren sehr stark unterschiedlich im Stil sich in der Form der Darstellung finden (der eine mit so wenig wie möglichen Worten (Sundquist) und kaum Ausschmückungen, der andere eher blumig und bildreich (Eriksson) und mit Schwierigkeiten, „auf den Punkt“ zu kommen (hier wäre weniger mehr gewesen)). Stile, die sich zu gut erkennbar im Buch voneinander abheben und so das ein oder andere Mal für sprachliche Brüche sorgen, die dem Lesefluss nicht immer gut tun.
Dennoch ein beachtliches Debüt, ein Fall, der den Leser nicht so schnell loslassen wird, ein Thema, das an die Nieren geht und ein Auftakt, der die beide folgenden Bände mit Spannung erwarten lässt.