Deckname Adler

Sonderrechte hinter den Kulissen
  • Gesamtwertung

Kurzfassung

Eine interessante Lektüre.

5

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Reinhard Gehlen war und ist beileibe kein Einzelfall gewesen. An sich sind ja bereits Heerscharen ehemaliger kleinerer und mittlerer „Würdenträger“ nahtlos in die neue Bundesrepublik integriert worden, aber auch bis ganz nach oben reicht die Palette derer, die zumindest von härteren Sanktionen verschont geblieben waren aufgrund ihres, zumindest geglaubten, „Wertes“ für die westliche Welt nach dem zweiten Weltkrieg.

Peter Hammerschmidt hat sich in diesem Buch nun eines ganz besonders auffälligen und, letztlich, schwer zu rechtfertigenden Falles angenommen.

Klaus Barbie. Mitglied der Gestapo. Chef der Gestapo in Lyon nach Stationen in den Niederlanden und Dijon. Verantwortlich für Gewalt und Terror nach innen. Folter inbegriffen, das Verschwinden lassen „unbeliebter“ Personen zudem als einfache Übung. „Der Schlächter von Lyon“ war ein durchaus zutreffender Titel für Barbie.

Eine der „Schattengestalten“ des dritten Reiches und ohne weiteres Nachdenken eigentlich reif für die Anklagebank in Nürnberg samt zu erwartendem Todesurteil.

Ab 1948 dann bereits im Sold der USA unter Übernahme des Agentennetzes „Büro Petersen“, welches Barbie im Vorfeld bereits aufgebaut hatte.

Von den Franzosen als Kriegsverbrecher gesucht, wurde Barbie bereits 1947 von den USA als Informant angeworben und „vor den französischen Ermittlern versteckt“. Ein Sachverhalt, der erst 1983 offiziell durch das CIC bekannt gegeben wurde. Mitsamt der „Schleusung“ Barbies auf geheimen Wegen durch eben jenes CIC aus Europa nach Bolivien.

Wobei Hammerschmidt minutiös (wenn auch in Teilen langatmig und zu kleinteilig) aufweist, dass hier nicht ein einzelner Dienst einen „Fehler“ begangen hat, sondern durchaus einerseits beim CIC die Vergangenheit Barbies nicht unbekannt war, wie auch verschiedene andere europäische „Dienste“ sich Barbies je zu Zeiten bedienten. Nicht zuletzt, und dies ist tatsächlich so zu verurteil, wie Hammerschmidt es rigide vollzieht, der BND (und das noch Mitte der 60er Jahre von Bolivien aus unter dem Decknamen „Adler“, worauf der Titel des Buches sich bezieht).

Mittels bis vor Kurzem unter Verschluss stehender Akten und neuem Material aus Barbies Nachlass geht Hammerschmidt sehr gründlich und detailliert zwei Grundfragen im Buch nach, neben der konkreten Beschreibung seines „Befundes“ über Klaus Barbie (dem er biographisch von Kindheit an nachgeht).

Zum ersten legt er die „kontinuierliche Protektion des NS-Kriegsverbrechers Barbie“ durch drei verschiedene Dienste dar. Zum zweiten beschäftigt sich Hammerschmidt mit der Frage, ob und ja welche „individuellen Voraussetzungen NS-Täter als nachrichtendienstliche Verbindung westlicher Dienste prädestinieren“.

Nicht einfach zu lesen ist das Buch auf sprachlicher Ebene. Wiederholungen, eine eher „trockene“ Sprache, die allgemein wissenschaftliche Ausrichtung, die eher einer Dissertation als einer populärliterarischen Darstellung entsprechen, erfordern eine doch spürbare Konzentration beim Lesen.

Die Auswertung lange Jahre verschlossener Akten (gerade beim BND) und die Aufarbeitung von biographischen Details (vor allem bisher nicht bekannter Briefe Barbies) entschädigen dann durchaus für manche Mühe bei der Lektüre.

Alles in allem eine sehr fundierte und sehr intensiv recherchierte Aufarbeitung des „Falls Barbie“, in der Hammerschmidt auch den Bogen zum weiteren protegierenden Umgang mit ehemaligen NS-Schergen nach 1945 durch die westlichen Geheimdienste schlägt.

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